Ethik in der Nutztierhaltung

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Leitbild für eine bäuerliche, familienorientierte Landwirtschaft

Kein Thema in Sachen Landwirtschaft ist derzeit stärker im Blickpunkt der Öffentlichkeit als das Thema Nutztierhaltung in der Landwirtschaft. Die Vorstellungen darüber, was artgerechte Nutztierhaltung eigentlich ist, werden zunehmend kontrovers diskutiert und es wird immer schwieriger einen Konsens über die zukünftigen Formen landwirtschaftlicher Nutztierhaltung zu finden.

Die KLB Deutschlands will mit dieser Stellungnahme einen Beitrag zum Dialog leisten zwischen Landwirten und Verbrauchern. Den Vorstellungen über einen angemessenen Umgang mit Nutztieren liegt ein christlich ethischer Wertekodex zu Grunde. Die Stellungnahme richtet sich sowohl an Landwirte als auch an Verbraucher sowie an Gruppen, denen das Tierwohl ein Anliegen ist.

Tierhalter haben das Gefühl, dass eine wachsende Zahl von Menschen ihre Arbeit in den Ställen nicht mehr versteht, ihnen zum Teil misstraut. Sie spüren, dass sie diese Entwicklungen stark berühren und ihr Selbstverständnis als Bauerfamilien in Frage stellen. Gleichzeitig sind Verbraucher/innen in ihrer Kaufentscheidung stark verunsichert. Verbraucher/innen beeinflussen durch ihre Kaufentscheidungen dabei erheblich die Zukunft der landwirtschaftlichen Nutztierhaltung.

Leitbild des Landvolks

Die KLB orientiert sich dabei an ihrem Leitbild für eine bäuerliche familienorientierte Landwirtschaft, in dem es heißt:

Die bäuerliche Landwirtschaft ist eine auf zukünftige Generationen ausgerichtete Erzeugung von Mitteln zum Leben, welche eine selbständige, eigenverantwortliche und ressourcenschonende Wirtschaftsweise pflegt, die Umwelt schützt, die natürliche Artenvielfalt erhält und Mitgeschöpfe und Schöpfung respektiert.[1]

Feststellungen

Artgemäße landwirtschaftliche Nutztierhaltung bleibt immer ein Kompromiss zwischen Nutzung durch den Menschen und den natürlichen Ansprüchen der Tiere. Nutzen, nicht Benutzen der Tiere gilt es bei Zucht, Haltung und Fütterung zu beachten.

Die Erleichterungen in den Arbeitsprozessen der Landwirtschaft durch den technischen Fortschritt dürfen nicht zur Entfremdung zwischen Mensch und Tier führen. Der Strukturwandel hat sich stark beschleunigt und es fragt sich, ob nicht schon die Wachstumsgrenzen erreicht sind.

Nutztiere werden oft als „geringer wertig“ betrachtet wie Haustiere. Das ist ethisch nicht vertretbar.

Beobachtungen

In den vergangenen Jahrzehnten haben sich die Zucht- und Haltungsbedingungen stark verändert. Rationellere, technische Lösungen unterstützen den Landwirt bei der täglichen Arbeit und ermöglichen das Halten von immer mehr Tieren durch eine Person. Gleichzeitig ist das Leistungspotenzial vieler Nutztiere deutlich gestiegen.

Fragen

Auf Grundlage dieser Feststellungen fragt sich die KLB:

Wird die Geschwindigkeit des Wachstums in Zucht und Haltung unserer Nutztiere unseren eigenen Erwartungen an eine nachhaltige Entwicklung einer vielfältigen Landwirtschaft noch gerecht?

Welche Nutztierhaltung wollen wir zukünftig?

Welche Errungenschaften moderner Tierhaltung sind positiv für Tier und Mensch?
Welche Änderungen/Verbesserungsvorschläge können wir uns vorstellen?

Unsere Bewertungskriterien (orientiert an den 5 Freiheiten des animal welfare council)

Frei von Hunger und Durst sowie Fehlernährung

Frei von Unbehagen durch ungeeignete Unterbringung

Frei von Schmerz, Verletzung und Krankheit

Frei von Angst und vermeidbarem Leiden

Frei, sich tiergemäß, dem Nutztier angepasst verhalten zu können

Rinderhaltung

Die KLB stellt fest, dass sich die Haltungsformen deutlich verbessert haben, aber die Züchtung wieder stärker auf Lebensleistung ausgelegt werden muss. Wenn die hohe Leistung die Tiere gesundheitlich überfordert, so darf sich die Züchtung sich nicht noch höhere Leistungsziele setzen ohne die Gesundheit der Tiere zu beachten. Die Züchtung hornloser Rinderrassen wird begrüßt.

Schweinehaltung

Das Klima in Ställen, die Bewegungsfreiheit der Tiere und die Fleischqualität haben sich in den letzten Jahren verbessert. Aber es gibt in der Schweinezucht ethische Grenzüberschreitungen wie z.B. so große Ferkelwürfe, dass sie die Ammenaufzucht notwendig machen. Die KLB erwartet von der Wissenschaft intensivere Forschung an den Ursachen des Schwanzbeißens, damit auf das Kupieren von Schwanzspitzen bald verzichtet werden kann. Auch sollte z.B. soll das Kastrieren von Ferkeln nur mit Betäubung durchgeführt werden.

Geflügelhaltung

Die KLB stellt fest, dass die starke Arbeitsteilung mit industriellen Strukturen der Geflügelwirtschaft immer weniger unseren Vorstellungen einer eigenverantwortlichen bäuerlichen Landwirtschaft entspricht. Im Verzicht auf Käfighaltung sehen wir positive Ansätze für den Tierschutz. In der Zucht sehen wir in der Geflügelhaltung deutliche Grenzüberschreitungen. Masthähnchen dürfen nicht so schnell wachsen, dass sie schon nach wenigen Wochen nicht mehr selbstständig auf ihren Beinen stehen können. Tiere, die sich nicht natürlich vermehren können, männliche Küken, die getötet werden, weil ihre Aufzucht nicht wirtschaftlich ist, lehnt die KLB ab. Schnelle Züchtungserfolge und verbesserte Haltungsformen werden angemahnt.

Antibiotika

sind zur Behandlung von kranken Tieren sinnvoll und notwendig. In den letzten Jahren wurde auch eine Menge reduziert.

Allerdings werden nach wie vor zu viele Antibiotika eingesetzt. Dies betrifft vor allem große Ställe. Das verwenden von Reserveantibiotika, die in der Humanmedizin unabdingbar sind, muss in der Tierhaltung verboten werden. Durch verbesserte Haltungsformen, einen Zuchtfortschritt, der die Tiergesundheit mit einbezieht, ist auf einen weiteren deutlichen Rückgang des Antibiotikaeinsatzes hinzuwirken und damit auch einen Rückgang, von tierhaltungsbedingten mulitiresistenten Keimen. Der Verkauf von Medikamenten durch Tierärzte kann darf nicht dazu verleiten, mehr Medikamente als notwendig zu verkaufen. Wir erwarten, dass die neue Antibiotikadatenbank Missbrauchsfälle aufdeckt.

Impfen statt Keulen

Wir erwarten eine konsequente Abkehr von einer Seuchenbekämpfungsstrategie, die das Keulen von Tieren vorsieht, obwohl es Alternativen gibt. Impfen statt Töten hat oberste Priorität. In Regionen mit intensiver Tierhaltung muss auch dieser Aspekt stärker beachtet werden. Auch die Ausbreitung von Tierseuchen wird teilweise von zu großen Einheiten begünstigt.

Tiertransporte

Schlachttiere und Nutztiere müssen mit Sorgfalt transportiert werden. Die gesetzlichen Auflagen sind einzuhalten, kurze Wege zu den Schlachthöfen und bessere Kontrollen für Langtransporte müssen schwarze Schafe in der Branche wirksam ausschalten.

Auch fordern wir eine gezielte Aufklärung der Verbraucher über die Herkunftskennzeichnung der Fleischwaren.

Schlachtung

„Die Tötung von Tieren ist in der von Konflikten geprägten Ordnung der Schöpfung unvermeidlich, ihre ethische Rechtfertigung unterliegt jedoch vielfältigen Grenzen und Bedingungen.“[2]

Wir haben das Thema Schlachten und Töten von Tieren für unsere Ernährung aus unserem Bewusstsein verdrängt. Die Erzeugung von Lebensmittel, Fleisch und Gemüse, sollte den Menschen wieder nahe gebracht werden

Das Töten von Tieren auf den Schlachthöfen ist eine verantwortungsvolle Aufgabe. Eine optimale, fortlaufende Qualifizierung von Schlachtpersonal ist sicherzustellen. Die Tendenz, aus Kostengründen nicht ausgebildete Schlachter unter Minimallohnbedingungen schlachten zu lassen fördert Situationen, die zu vermeidbarem Tierleid führen. Hier sollten Arbeitsbedingungen und Qualifikation stärker kontrolliert werden.

KLONFLEISCH

Wir befürchten durch die neuen Verordnungen der EU, die eine obligatorische Kennzeichnung vom Fleisch geklonter Tiere absehen will, eine verstärkte Produktion von Klontieren. Wir lehnen das Klonen aus ethischen Gründen aber auch aus Gründen des grundsätzlichen Tierwohls ab. Wir glauben, dass es den Prozess der industriellen Herstellung von Fleisch beschleunigt. Die bäuerliche Produktion braucht solche Tiere nicht.

Eine Frage der persönlichen Haltung

  • bei Bauern/Bäuerinnen

Halter/innen von Nutztieren müssen sich klar machen, warum sie gerne mit Tieren umgehen, was das Tier als Mitgeschöpf bedeutet:  „Was empfinde ich, wenn ich die Geburt eines Kalbes miterlebe, oder wenn ich die im warmen Stall aneinander geschmiegten Schweine beobachte? Spüre ich das eigene Mitleiden bei Erkrankung des Tieres?“ Tierhalter/innen müssen diese gelebte Freude und Verantwortung auch nach außen deutlicher und offener kommunizieren.

  • und Verbrauchern/Verbraucherinnen

Die Macht der Veränderung liegt auch bei den Verbraucherinnen und Verbrauchern und damit auch die Mitverantwortung über die landwirtschaftliche Nutztierhaltung der Zukunft. Verzehr von „Billigfleisch“ schadet dem Wohl der Tiere, weil dann für Landwirte noch größere Ställe notwendig sind.

Nur das eigene Handeln und der eigene Umgang mit Tieren kann die Achtung vor dem Mitgeschöpf überzeugend ausdrücken. Die Wertigkeit von Lebensmitteln im Allgemeinen und von Fleisch im Besonderen spiegelt sich auch im Preis wider. Verbraucher treffen durch ihre Nachfrage die Entscheidung über das Angebot und damit auch über den Preis.

Die KLB begrüßt Ansätze des Einzelhandels, sich zusätzlich finanziell für das Tierwohl einzusetzen. Er wird aufgefordert, nachvollziehbare Standards für das Tierwohl einzuführen und sicherzustellen.

Schlussfolgerungen

Besonders in der Zucht gibt es Grenzüberschreitungen, die das Nutztier als Mitgeschöpf zu wenig beachten.

Verbraucher konsumieren oft unkritisch tierische Produkte, ohne Wissen um die moderne artgerechte Nutztierhaltung. Mangelnde Transparenz über Herkunft und Verarbeitung führt zu Misstrauen.

Überproduktion führt derzeit dazu, dass Fleisch zur Ramschware degeneriert. Lebensmittel sind so billig geworden, dass wir es uns „leisten“, große Teile von Lebensmitteln wegzuwerfen.

Die Person des Landwirtes ist selbst die entscheidende Persönlichkeit die über das Tierwohl wacht. Den Landwirten kann man Glaubwürdigkeit und Vertrauen schenken, dass sie ihre Tiere nicht vorsätzlich schädigen wollen. Der Landwirt sollte eine Haltung entwickeln, die auch die Grenzen des Wachstums und die eigenen Grenzen der Machbarkeit klar verinnerlicht.

In der bäuerlichen Tradition und einer qualifizierten Ausbildung liegen die Chancen, sich den Anforderungen und Herausforderungen der Nutztierhaltung zu stellen. Auch die Verankerung im christlichen Glauben ist für viele Bauernfamilien eine gute Grundlage, die Haltung zu ihrer landwirtschaftlichen Tätigkeit und zum Nutztier auszubilden.

Verabschiedet am 25. April 2015 in LVHS Freckenhorst

[1] KLB, Leitbild Landwirtschaft (2011)

[2] Neuorientierung für eine nachhaltige Landwirtschaft. Gemeinsame Texte der Kirchen (2003)

 

 

 

 

Kommentare 1

  1. Manzinger Franz

    Gut gelungen!!!

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