Landwirtschaft

KLB Leitbild - Landwirtschaft

2013JanLeitbild BILD Rück_1

Leitbild für eine nachhaltige und regionale Landwirtschaft

Präambel:

In Genesis 2, 15 heißt es:
„Und Gott der HERR nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, dass er ihn bebaue und bewahre.“
Menschen bebauen die Erde und haben den Auftrag dabei die Schöpfung zu bewahren. Sie dürfen nutzen und bebauen, d.h. sich mit ihrer Hilfe ernähren und ihre Produkte nutzen. Das heißt auch dieUmwelt bewahren, das Klima zu schonen und die natürliche Vielfalt fördern. Ebenso sollen unsere Mitmenschen und künftige Generationen gerechten Anteil an den Früchten der Schöpfung haben.
Dabei führen uns die Prinzipien der katholischen Soziallehre (Solidarität, Subsidiarität, Personalität) sowie das Prinzip der Nachhaltigkeit.

Ziele:
1. Nachhaltige Lebensmittelerzeugung
Vorrangiges Ziel ist die nachhaltige Erzeugung von gesunden Mitteln zum Leben. Hierunter verstehen wir die Erzeugung von Nahrung, Futtermitteln und nachwachsenden Rohstoffen und zwar in dieser Reihenfolge. Diese Erzeugung ist nachhaltig nur möglich unter Sicherung der natürlichen Ressourcen Wasser, Boden, Luft und Klima. Eine multifunktionale bäuerliche Landwirtschaft produziert Nahrung, Energie, Natur und Kulturwissen.

2. Flächendeckende Bewirtschaftung durch bäuerliche Landwirtschaft
Eigenständiges Ziel neben der Erzeugung von Mitteln zum Leben ist eine flächendeckende Landbewirtschaftung in lebenswerten ländlichen Räumen. Auch unter veränderten Marktbedingungen müssen Grenzstandorte erhalten bleiben, wodurch der Lebens- und
Erholungswert dieser Regionen gesteigert wird. Flächen und Kulturwissen dürfen nicht verloren gehen. (Definition Bäuerliche Landwirtschaft: siehe Fußnote 1) Menschen, die in der Landwirtschaft arbeiten, müssen nachhaltige Arbeitsbedingungen vorfinden.
Das bedeutet, dass sie unter menschenwürdigen Bedingungen ihre Arbeit verrichten können.

3. Ausreichendes Einkommen und weltweiter Interessensausgleich
Diese bäuerliche Landwirtschaft muss ein ausreichendes Einkommen erzielen. Hierbei zählt nicht nur der faire Preis für Erzeugnisse sondern auch die Honorierung weiterer Leistungen der Landwirtschaft. Leistungen für das Gemeinwohl sind vor allem die Versorgungssicherheit mit Nahrungsmitteln, die Landschaftspflege, der Umweltschutz, die Erhaltung der Artenvielfalt sowie der Erhalt vitaler ländlicher Räume. Diese Gemeinwohlleistungen müssen durch staatliche Transferzahlungen an die bäuerlichen Familien unbürokratisch honoriert werden, da sie oftmals nicht durch die Preise für Lebensmittel gedeckt sind. Die ökonomische Nachhaltigkeit gewährleistet die Stabilität landwirtschaftlicher Einkommen. Existenzgefährdende Ertragsschwankungen durch klimawandelbedingte Wetterextreme müssen sozial abgefedert werden. Dadurch werden Infrastruktur, Wertschöpfung und Lebensqualität ländlicher Räume gesichert. Bei den Preisschwankungen heutiger Agrarmärkte, ist ein Sicherheitsnetz für Erzeuger von Nahrungsgütern überall in der Welt vonnöten. Die Nahrungsmittelkrise von 2008 hat gezeigt, dass in den Agrarmärkten neue Akteure aus der Finanzbranche spekulativ aktiv sind. Dies führte zu zusätzlichen Preisverzerrungen die weltweit Hunger und soziale Unruhen ausgelöst haben. Aus diesem Grunde lehnen wir ungeregelte und intransparente Spekulation im Nahrungsmittelbereich und im Bereich des Landbesitzes (Landgrabbing) ab. Verantwortungsvolle Agrarpolitik ist Teil einer zukünftigen Weltinnenpolitik die eine hohe soziale Verantwortung zeigen muss.
Der Agrarmarkt braucht ökosoziale Spielregeln. Dahingehend muss auch die WTO reformiert werden.

4. Regionalität und Globalität
Ein bedingungslos exportorientierter globaler Handel mit Lebensmitteln ist energieaufwändig und trägt zum Problem des Welthungers bei. Erstrebenswert ist es, die Erzeugung, Verarbeitung und Vermarktung von Mitteln zum Leben vorrangig regional sicherzustellen. Unsere Intention ist die Sicherung von regionaler Wertschöpfung. Dabei sind weitgehend dezentrale und regionale Stoff-, Energie- und Produktionskreisläufe zu erhalten bzw. wieder aufzubauen. Um diese Wertschöpfung in den Regionen zu stärken sollte in jeder ländlichen Region ein Entwicklungsprozess mit Bürgerbeteiligung angeregt und durchgeführt werden. (Bemerkungen zur Regionalität siehe Fußnote
2)

5. Ernährungssouveränität
Unter Ernährungssouveränität verstehen wir das Recht der Menschen und souveränen Staaten, ihre eigenen Agrar- und Ernährungspolitiken zu bestimmen. Sie ist die Grundlage für Ernährungssicherheit und ländliche Entwicklung weltweit. Aus der Ernährungssouveränität gründet sich das Existenzrecht von Bauern und Bäuerinnen in Entwicklungsländern ebenso wie in
entwickelten Ländern. Die Weitergabe bzw. der Austausch von Saatgut unter Bauern ist eine jahrhundertealte Kultur. Die Rechte der Züchter sind im Rahmen des Sortenschutzes geregelt. Eine Patentierung von Pflanzen und Tieren lehnen wir grundsätzlich ab. Sie fördert die Privatisierung und Monopolisierung unserer Lebensgrundlagen und gefährdet den Zugang zu den genetischen Ressourcen, den Grundlagen der Welternährung und Zucht und schränkt die Agrobiodiversität ein. Die grüne Gentechnik beschleunigt diese Entwicklung. Ihre ökonomischen, ökologischen und sozioökonomischen Auswirkungen auf die Lage der Kleinbauern insbesondere im Süden sind verheerend.

6. Globale Verantwortung
Einer globalen Verantwortung müssen wir uns in einer globalen Welt stellen. Importe von Produkten müssen genauso Nachhaltigkeitskriterien genügen wie auch ethische Verantwortung für unsere Exportstrategie tragen müssen. Grundlage dafür ist die Akzeptanz der Ernährungssouveränität aller Nationen. Die Märkte von Nahrungsmitteln in Entwicklungsländern dürfen nicht durch unsere Agrarmaßnahmen zerstört werden. Die globale Verantwortung gilt für alle Verarbeitungsstufen der Wertschöpfungskette.

Resumee
Voraussetzung für alle unsere Ziele ist die ökologische, soziale und ökonomische Nachhaltigkeit. Grundlage für die Umsetzung dieser Ziele sind lokal und regional verantwortete Entscheidungsprozesse. Wir brauchen Rahmenbedingungen, die die Entscheidungs- und
Handlungsfreiheit der Menschen vor Ort ermöglichen. Dazu gehört der freie Zugang zu Boden, Wasser, Saatgut, Produktionsmittel, sowie Bildung, Wissen und unabhängiger Forschung. Bildung ist dabei der Schlüssel zu eigenverantwortlichem Handeln und beugt der Benachteiligung von Menschen in ländlichen Räumen vor. Alle diese Ziele werden in Ihrer Abhängigkeit voneinander und ihrer Komplexität am besten durch eine bäuerliche Landwirtschaft gefördert. Die Stärkung genossenschaftlicher und anderer regionaler
Strukturen wird ausdrücklich gewünscht.

Erläuternde Fußnoten, Definitionen und Schaubilder
Fußnote 1: Definition bäuerliche Landwirtschaft
Eine bäuerliche Landwirtschaft ist eine auf zukünftige Generationen ausgerichtete Erzeugung von Mitteln zum Leben, welche eine selbständige, eigenverantwortliche und ressourcenschonende Wirtschaftsweise pflegt, die Umwelt schützt, die natürliche Artenvielfalt erhält und Mitgeschöpfe und Schöpfung respektiert.

Fußnote 2: Regionalität und Globalität
Mit Blick auf die Ernährungssicherung sollte es vorrangiges Ziel sein, Lebensmittel möglichst vor Ort, d.h. im eigenen Land, in der eigenen Region zu erzeugen. Für alle anderen Produkte gilt, diese am regional am besten geeigneten Standort zu produzieren. Vermarktung, Verkauf und Handel sind ein wichtiger Faktor, die Wertschöpfung in der Region zu stärken. Ein Überhandnehmen der Exportorientierung führt zu regionaler Ausbeutung von Ressourcen, kann zu Zerstörung regionaler Märkte führen und dadurch die Multifunktionalität der
Landwirtschaft gefährden. Regionalität bedeutet auch, die naturräumlichen und kulturellen Bedingungen zu beachten und
ökonomische Nachteile durch regionale Förderung auszugleichen. Insgesamt gilt: eine Diversifizierung landwirtschaftlicher Erzeugung bringt eine Risikominimierung mit sich. Sowohl in Bezug auf Preisschwankungen der Märkte als auch auf die Auswirkungen auf das Klima. Grundsätzlich ist die regionale Kultur und Natur von der Landwirtschaft geprägt. Kulturelle Regionalität ist also stark abhängig von den landwirtschaftlichen Erzeugnissen und den kulturellen Gegebenheiten. Ihre Wertschätzung wird sich daher auch nur regional herausbilden und auch nur da, wo es gelingt Identität zu schaffen. Dieses verdeutlicht die Nachhaltigkeit landwirtschaftlicher Betriebe mit ihrer ökologischen, ökonomischen und sozialen Dimension.

Definition Nachhaltigkeit:
Ethische Leitperspektive für eine zukunftsfähige Landwirtschaft ist das Prinzip der Nachhaltigkeit, dem sich die Kirchen aus christlicher Schöpfungsverantwortung verpflichtet haben. Dem Leitbild der Nachhaltigkeit entspricht auf der ordnungspolitischen Ebene eine an ökologischen und sozialen Kriterien orientierte Marktwirtschaft, die die Dynamik des Marktes mit sozialer Fairness und wirksamen Mitteln zum Schutz der Umwelt verbindet. Es ist Wegweiser für eine Integration ökologischer, ökonomischer und sozialer Belange. Eine nachhaltige Landwirtschaft ist darauf ausgerichtet, die Natur in ihrer Vielfalt als Nahrungsquelle und Lebensraum zu nutzen und zu
bewahren. Sie schützt Wasser, Boden und Luft im ursprünglichen Wortsinn als Lebens-Mittel“ und achtet Tiere und Pflanzen als Geschöpfe Gottes. (aus: Gemeinsame Texte EKD und DBK „Neuorientierung für eine nachhaltige Landwirtschaft“ 2003)

(Arbeitsgruppenmitglieder: Nicole Podlinski, Korbinian Obermayer, Ulrich Oskamp)

Das Positionspapier Landwirtschaft wurde am 7. Mai 2011 während der Bundesversammlung der KLB in Stuttgart-Hohenheim verabschiedet. Und auf der Bundesversammlung 2012 aktualisiert.

Freihandelsabkommen TTIP - nicht um jeden Preis

Beschluss der KLB Bundesversammlung
Freihandelsabkommen TTIP – nicht um jeden Preis

Das Transatlantische Abkommen: Unsere zehn „unverhandelbaren“ Mindestbedingungen

Die öffentliche Diskussion und Berichterstattung zum TTIP geben Anlass zu großer Sorge. Deshalb wollen wir, die Katholische Landvolkbewegung Deutschland (KLB), mit diesem Papier unsere „unverhandelbaren“ Grundsätze und Anforderungen an ein solches transatlantisches Abkommen darlegen. Aus dem ‚Leitbild der KLB zur Landwirtschaft’ ergeben sich grundlegende Eckpunkte, deren Schutz
uns am Herzen liegen und die wir durch ein wie immer geartetes Abkommen nicht gefährdet sehen wollen.

Die „unverhandelbaren“ Grundsätze sind:

1. Stärkung der Wertschöpfung und des Wachstums in den Regionen
Wir halten im Interesse von sozialem Frieden und wirtschaftlicher Stabilität, sowie gesellschaftlicher Risikominimierung, eine eigenständige Entwicklung von stabilen Wertschöpfungsketten innerhalb der Regionen für eine gesunde Basis des globalen Handels für unbedingt erforderlich. Wertschöpfungsketten in der Region schaffen die Grundlage für die Stabilität der globalen Märkte und gewährleisten die Teilhabe der Menschen vor Ort. Diese, auf regionaler Entwicklung und Teilhabe aufgebaute Stabilität, stützt das zurzeit ungenügend kontrollierte und deshalb anfällige globale Wirtschaftsund Finanzsystem. Stärkung der Wertschöpfung und des Wachstums in den Regionen ist Basis eines globalen Wachstums, welches den Menschen dient.

2. Der Schutz der öffentlichen Grundversorgung
Die öffentliche Grundversorgung muss gewährleistet bleiben. Dazu gehören unter anderem die öffentlichen Wasser- und Abwassersysteme, Energieversorgung, Infrastruktur sowie der Bildungs- und Gesundheitssektor. Bei einer öffentlichen Grundversorgung muss das menschliche Wohl im Vordergrund stehen.

3. Gleichwertige Lebensbedingungen erhalten
Es sollen gleichwertige Lebensbedingungen für Menschen in ländlichen und urbanen Regionen erhalten bleiben und gestärkt werden.

4. Schutz der bäuerlichen Landwirtschaft
Schon jetzt ist der Strukturwandel kaum zu stoppen. Immer öfter geschieht er zu Lasten der Umwelt, der Gewässer und des Bodens. In fast jedem Fall geht dies zu Lasten der Menschen in den bäuerlichen Familienbetrieben. Die KLB befürchtet, dass durch ein transatlantisches Abkommen der Druck auf die bäuerliche Landwirtschaft in starkem Umfang zunimmt.

5. Nachbaurechte stärken
Das Landwirte- und Züchterprivileg muss uneingeschränkt erhalten bleiben. Patente auf Leben und die grüne Gentechnik sind strikt abzulehnen.

6. Erhalt der kulturellen Vielfalt
Der Schutz der kulturellen Vielfalt ist unbedingt notwendig und soll materiell und ideell durch den Staat oder die Kulturräume förderbar bleiben. Die Verantwortung für die kulturelle Vielfalt muss bei den Ländern bzw. Regionen verbleiben.

7. Vorsorgeprinzip unseres Rechtssystems aufrechterhalten.
Die funktionierenden Rechtssysteme der EU und der USA brauchen kein Investor – Staat – Schiedsverfahren.

8. Erhalt der Sozial-, Verbraucherschutz- und Umweltstandards

9. Keine öffentliche Haftung für entgangene Gewinne
Der Steuerzahler darf nicht für entgangene Gewinne von Konzernen haften. Die Risiken des Marktes, auch Fehleinschätzungen von Konzernen bezüglich ihrer Produkte, sowie zukünftiger Entwicklungen müssen unternehmerische Risiken bleiben, ohne auf den Steuerzahler abgewälzt zu werden.

10. Milleniumsziele beachten
Entwicklungspolitische Ziele dürfen nicht durch ein Abkommen konterkariert werden. Die Prüfung menschenrechtlicher Standards ist notwendig und die Umwelt- sowie Milleniumsziele der Weltgemeinschaft sind bei Handelsabkommen zu beachten. Das Recht auf Nahrung bildet die Grundlage der Ernährungssouveränität und muss unbedingt berücksichtigt werden. Unserer Ansicht nach benötigen globale Märkte eine gerechte Ordnung und erfordern öko-soziale Spielregeln, um einen Welthandel zu schaffen, der dem Menschen dient.

Diese Forderungen wurden auf der KLB-Bundesversammlung 2014 in Werdenfels verabschiedet.
Bundesversammlung der KLB am 05. April 2014 in Haus Werdenfels, Regensburg

Family Farming

STÄRKUNG DES FAMILY FARMING

Ein Weg zur Umsetzung der Post-2015-Agenda?

Die Zukunft fordert uns heruas: mehr Nahrungsgüter produziren, Energie und Ressourcen sparen, das Klima schützen, die
Lebensqualität verbessern, Hunger und Armut bekämpfen.

Für uns als KLB und ILD ist die Schöpfung zu bewahren Auftrag und Verpflichtung.

In einer Zeit globaler Krisen wird es für immer mehr Menschen schwer, ein Leben in Würde zu führen. Übermäßiger Ressourcenabbau und die zunehmenden Folgen des Klimawandels wachsen sich zur hausgemachtensozialen Krise aus. Klimaflüchtlinge und Landflucht mangels ausreichendem Einkommen stellen die Megazentren dieser Welt vor gewaltige Herausforderungen. Landgrabbing, Preisverfall aber auch die Klimaveränderung machen es der bäuerlichen Landwirtschaft schwer. Welcher kleine bäuerliche Familienbetrieb hält es wirtschaftlich aus, wenn Saat und Ernte zunehmend zum Lotteriespiel werden? Die Unvorhersehbarkeit der extremen
Wetterereignisse trifft die bäuerlichen Familienbetriebe aufgrund fehlender Sicherungssysteme und mangelnder finanziellen Reserven sehr.

Warum ist die Stärkung der bäuerlichen Familienbetriebe ein Schlüsselfaktor der Entwicklung?

40 % der Weltbevölkerung erhält über die Produktion und Verarbeitung von Nahrungsmitteln ein Einkommen. Leider ist dies in der Regel zu gering und daher leben 70 % der Armen weltweit auf dem Land. Die abwandernden Armutsflüchtlinge, vor allem junge Menschen, bevölkern die Slums der Megazentren und destabilisieren den sozialen Frieden dort zusätzlich. Diese jungen Menschen fehlen wiederum auf dem Land. Den gegenwärtigen Trend umkehren könnten wir durch die Stärkung der 2,6 Milliarden Menschen, die in Familienerwerbsgemeinschaften leben und produzieren. Auch wenn ihre Produktion zurzeit noch zu wenig effizient ist, so hat die bäuerliche Landwirtschaft laut Weltagrarbericht ein großes Potential zur Steigerung von Ertrag. Deswegen muss bei dieser Zielgruppe mit einem Innovationschub für Forschung und Entwicklung angesetzt werden.

Was ist ein bäuerlicher Familienbetrieb?

Die 90 % bäuerlicher Familienbetriebe in Europa sollen neben der Versorgung mit Lebensmitteln ein weiteres Ziel gewährleisten, eine
multifunktionale, nachhaltige, wettbewerbsfähige und flächendeckende Landbewirtschaftung. Hier bedeutet der bäuerliche Familienbetrieb: Verantwortung und Eigentum, nachhaltige Bewirtschaftung, Erfolg und Risiko in den Händen der bäuerlichen Familie.

Die Merkmale dieser bäuerlichen Landwirtschaft sind: nachhaltig und umweltgerecht, bodengebunden und tierartgerecht, eigenverantwortlich und eigentumsorientiert, familien- und traditionsgebunden, vielfältig strukturiert, und leistungsfähig.

Die Aufgabe der landwirtschaftlichen Produktion ist: hochwertige Nahrungsmittel – nachwachsende Rohstoffe – Pflege und Erhalt der Kulturlandschaft – Schutz der natürlichen Ressourcen.

Diese Aufgaben werden am besten vom bäuerlichen Familienbetrieb erfüllt, weil dieser wirtschaftlich sehr flexibel auf erhöhte Nachfrage reagieren kann und der Schutz der natürlichen Ressourcen im ureigensten Interesse der nachhaltigen Unternehmensstrategie als Familienstrategie steht.

Welche Ziele lassen sich daraus für die künftige Entwicklungsagenda ableiten?

Eine Möglichkeit der Stärkung bäuerlicher Landwirtschaft und der Ernährungssouveränität wäre es, mehr Aufmerksamkeit auf Family Farming (familienbasierte Landwirtschaft) zu leiten. Aus diesem Grund ist von der UN das Jahr 2014 als Family Farming Jahr ausgerufen worden. Der öffentliche Blick wird von den Technologien und Strukturen vom „Farming“ auf das „Family“, die in Erwerbsgemeinschaft zusammenlebenden Menschen, gelenkt. Kulturdiversität und Biodiversität stehen in einem Wechselverhältnis zueinander. Vielfalt ist ein vitaler Faktor der Weltzivilisation. Agrobiodiversität ist eine Vielfalt an Pflanzen- und Tierarten, eine Vielfalt an Kultursorten, eine Vielfalt an Betriebsformen, eine Vielfalt an Lebensräumen, eine Vielfalt an Wirtschaftsweisen, eine Vielfalt an Tierhaltungsformen und eine Vielfalt an Nutztierrassen.

Diese durch Kultur und Biodiversität verbundene Vielfalt wird weltweit am besten durch die bäuerlichen Familienbetriebe geschützt und bewahrt. Aber, viele Partner aus dem Süden fragen sich unterdessen, wie es nach diesem UN-Jahr des Family-Farming weitergehen soll. Hier kommt die neue Entwicklungs- und Nachhaltigkeitsagenda ab 2015 ins Spiel, in welcher Family Farming ein Instrument zur Umsetzung von nachhaltiger landwirtschaftlicher Produktion werden könnte.

Warum Family Farming in der Post-2015-Agenda?

Wie viele Untersuchungen zeigen, ist Family Farming umweltfreundlicher als andere Produktionsformen. Bäuerliche Familienbetriebe suchen nach flexiblen Lösungen die wenig fossile Rohstoffe verbrauchen. Mit bäuerlicher Landwirtschaft werden die Säulen der Nachhaltigkeit und damit auch die Umweltziele besser erfüllt. Im Einzelnen:

Soziale Säule – Die 40 % Weltbevölkerung, die bisher schon davon leben, haben weiterhin ein Einkommen. Wo bäuerliche Familienbetriebe Land, Wasser und zudem ausreichende rechtliche und finanzielle Ressourcen bekommen, könnten sie laut Weltagrarbericht deutlich höheren Nährwert pro Hektar bei geringerem Input schaffen – ein entscheidender Faktor in der Hungerbekämpfung. Dadurch wird die Landflucht gestoppt und die Probleme der demographischen Entwicklungauf dem Land gemildert. Hiervon profitieren auch die Megastädte.
Ökonomische Säule – Das Einkommen kann mit steigender Produktion und Wertschöpfung durch Verarbeitung von Nahrungsmitteln vor Ort ebenfalls steigen. Es schafft Nachfrage in der Region und regionale Dienstleistungsarbeitsplätze in der Folge. Eine breite ländliche Entwicklung erhöht die Attraktivität des Landes auch für die Jugend und die Frauen. Hierdurch schafft man stabile ländliche Räume, die die politische und wirtschaftliche Gesamtentwicklung von Entwicklungsländern stützen.
Ökologische Säule – Die bäuerliche Produktion ist diversifizierter, kommt mit weniger externem Input aus und schont damit die weltweiten fossilen Ressourcen. Zusätzlich lässt sich durch besondere Formen von Bodenbearbeitung, Gründüngung und Agroforstsystemen CO2 binden und Lachgas vermeiden. Die Agrobiodiversität wird erhalten durch eine Vielzahl von kleineren Betrieben, die auch die weniger gängigen Sorten anpflanzen. In der Folge wird auch die Biodiversität positiv beeinflusst.
Bessere Aufmerksamkeit schützt die Bauernorganisationen – Der Mensch steht im Mittelpunkt der Landwirtschaft. Der Mensch in der Erwerbsgemeinschaft Familie, mit der gemeinschaftlichen Produktion und der dörflichen Gemeinschaft. Aus diesem Grund hat die letzte Weltversammlung aller katholischen Bewegungen auf dem Land (FIMARC) ein Ziel zur Stärkung des Family Farming in der Post-2015-Agenda begrüßt. Die Legitimität von Bauernorganisationen zur Vertretung von bäuerlichen Familienbetrieben wird durch Family Farming gestärkt und deren Beteiligung an der Formulierung der Landwirtschaftspolitik gefördert.
Wenn wir Family Farming als Instrument zur Umsetzung der Post 2015–Agenda etablieren, kann dies die Bedeutung bäuerlicher Familienbetriebe in der Bevölkerung steigern.

Katholische Landvolkbewegung Intern.- Ländlicher Entwicklungsdienst
Dezember 2014

Ethik in der Nutztierhaltung

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Leitbild für eine bäuerliche, familienorientierte Landwirtschaft

Kein Thema in Sachen Landwirtschaft ist derzeit stärker im Blickpunkt der Öffentlichkeit als das Thema Nutztierhaltung in der Landwirtschaft. Die Vorstellungen darüber, was artgerechte Nutztierhaltung eigentlich ist, werden zunehmend kontrovers diskutiert und es wird immer schwieriger einen Konsens über die zukünftigen Formen landwirtschaftlicher Nutztierhaltung zu finden.

Die KLB Deutschlands will mit dieser Stellungnahme einen Beitrag zum Dialog leisten zwischen Landwirten und Verbrauchern. Den Vorstellungen über einen angemessenen Umgang mit Nutztieren liegt ein christlich ethischer Wertekodex zu Grunde. Die Stellungnahme richtet sich sowohl an Landwirte als auch an Verbraucher sowie an Gruppen, denen das Tierwohl ein Anliegen ist.

Tierhalter haben das Gefühl, dass eine wachsende Zahl von Menschen ihre Arbeit in den Ställen nicht mehr versteht, ihnen zum Teil misstraut. Sie spüren, dass sie diese Entwicklungen stark berühren und ihr Selbstverständnis als Bauerfamilien in Frage stellen. Gleichzeitig sind Verbraucher/innen in ihrer Kaufentscheidung stark verunsichert. Verbraucher/innen beeinflussen durch ihre Kaufentscheidungen dabei erheblich die Zukunft der landwirtschaftlichen Nutztierhaltung.

Leitbild des Landvolks

Die KLB orientiert sich dabei an ihrem Leitbild für eine bäuerliche familienorientierte Landwirtschaft, in dem es heißt:

Die bäuerliche Landwirtschaft ist eine auf zukünftige Generationen ausgerichtete Erzeugung von Mitteln zum Leben, welche eine selbständige, eigenverantwortliche und ressourcenschonende Wirtschaftsweise pflegt, die Umwelt schützt, die natürliche Artenvielfalt erhält und Mitgeschöpfe und Schöpfung respektiert.[1]

Feststellungen

Artgemäße landwirtschaftliche Nutztierhaltung bleibt immer ein Kompromiss zwischen Nutzung durch den Menschen und den natürlichen Ansprüchen der Tiere. Nutzen, nicht Benutzen der Tiere gilt es bei Zucht, Haltung und Fütterung zu beachten.

Die Erleichterungen in den Arbeitsprozessen der Landwirtschaft durch den technischen Fortschritt dürfen nicht zur Entfremdung zwischen Mensch und Tier führen. Der Strukturwandel hat sich stark beschleunigt und es fragt sich, ob nicht schon die Wachstumsgrenzen erreicht sind.

Nutztiere werden oft als „geringer wertig“ betrachtet wie Haustiere. Das ist ethisch nicht vertretbar.

Beobachtungen

In den vergangenen Jahrzehnten haben sich die Zucht- und Haltungsbedingungen stark verändert. Rationellere, technische Lösungen unterstützen den Landwirt bei der täglichen Arbeit und ermöglichen das Halten von immer mehr Tieren durch eine Person. Gleichzeitig ist das Leistungspotenzial vieler Nutztiere deutlich gestiegen.

Fragen

Auf Grundlage dieser Feststellungen fragt sich die KLB:

Wird die Geschwindigkeit des Wachstums in Zucht und Haltung unserer Nutztiere unseren eigenen Erwartungen an eine nachhaltige Entwicklung einer vielfältigen Landwirtschaft noch gerecht?

Welche Nutztierhaltung wollen wir zukünftig?

Welche Errungenschaften moderner Tierhaltung sind positiv für Tier und Mensch?
Welche Änderungen/Verbesserungsvorschläge können wir uns vorstellen?

Unsere Bewertungskriterien (orientiert an den 5 Freiheiten des animal welfare council)

Frei von Hunger und Durst sowie Fehlernährung

Frei von Unbehagen durch ungeeignete Unterbringung

Frei von Schmerz, Verletzung und Krankheit

Frei von Angst und vermeidbarem Leiden

Frei, sich tiergemäß, dem Nutztier angepasst verhalten zu können

Rinderhaltung

Die KLB stellt fest, dass sich die Haltungsformen deutlich verbessert haben, aber die Züchtung wieder stärker auf Lebensleistung ausgelegt werden muss. Wenn die hohe Leistung die Tiere gesundheitlich überfordert, so darf sich die Züchtung sich nicht noch höhere Leistungsziele setzen ohne die Gesundheit der Tiere zu beachten. Die Züchtung hornloser Rinderrassen wird begrüßt.

Schweinehaltung

Das Klima in Ställen, die Bewegungsfreiheit der Tiere und die Fleischqualität haben sich in den letzten Jahren verbessert. Aber es gibt in der Schweinezucht ethische Grenzüberschreitungen wie z.B. so große Ferkelwürfe, dass sie die Ammenaufzucht notwendig machen. Die KLB erwartet von der Wissenschaft intensivere Forschung an den Ursachen des Schwanzbeißens, damit auf das Kupieren von Schwanzspitzen bald verzichtet werden kann. Auch sollte z.B. soll das Kastrieren von Ferkeln nur mit Betäubung durchgeführt werden.

Geflügelhaltung

Die KLB stellt fest, dass die starke Arbeitsteilung mit industriellen Strukturen der Geflügelwirtschaft immer weniger unseren Vorstellungen einer eigenverantwortlichen bäuerlichen Landwirtschaft entspricht. Im Verzicht auf Käfighaltung sehen wir positive Ansätze für den Tierschutz. In der Zucht sehen wir in der Geflügelhaltung deutliche Grenzüberschreitungen. Masthähnchen dürfen nicht so schnell wachsen, dass sie schon nach wenigen Wochen nicht mehr selbstständig auf ihren Beinen stehen können. Tiere, die sich nicht natürlich vermehren können, männliche Küken, die getötet werden, weil ihre Aufzucht nicht wirtschaftlich ist, lehnt die KLB ab. Schnelle Züchtungserfolge und verbesserte Haltungsformen werden angemahnt.

Antibiotika

sind zur Behandlung von kranken Tieren sinnvoll und notwendig. In den letzten Jahren wurde auch eine Menge reduziert.

Allerdings werden nach wie vor zu viele Antibiotika eingesetzt. Dies betrifft vor allem große Ställe. Das verwenden von Reserveantibiotika, die in der Humanmedizin unabdingbar sind, muss in der Tierhaltung verboten werden. Durch verbesserte Haltungsformen, einen Zuchtfortschritt, der die Tiergesundheit mit einbezieht, ist auf einen weiteren deutlichen Rückgang des Antibiotikaeinsatzes hinzuwirken und damit auch einen Rückgang, von tierhaltungsbedingten mulitiresistenten Keimen. Der Verkauf von Medikamenten durch Tierärzte kann darf nicht dazu verleiten, mehr Medikamente als notwendig zu verkaufen. Wir erwarten, dass die neue Antibiotikadatenbank Missbrauchsfälle aufdeckt.

Impfen statt Keulen

Wir erwarten eine konsequente Abkehr von einer Seuchenbekämpfungsstrategie, die das Keulen von Tieren vorsieht, obwohl es Alternativen gibt. Impfen statt Töten hat oberste Priorität. In Regionen mit intensiver Tierhaltung muss auch dieser Aspekt stärker beachtet werden. Auch die Ausbreitung von Tierseuchen wird teilweise von zu großen Einheiten begünstigt.

Tiertransporte

Schlachttiere und Nutztiere müssen mit Sorgfalt transportiert werden. Die gesetzlichen Auflagen sind einzuhalten, kurze Wege zu den Schlachthöfen und bessere Kontrollen für Langtransporte müssen schwarze Schafe in der Branche wirksam ausschalten.

Auch fordern wir eine gezielte Aufklärung der Verbraucher über die Herkunftskennzeichnung der Fleischwaren.

Schlachtung

„Die Tötung von Tieren ist in der von Konflikten geprägten Ordnung der Schöpfung unvermeidlich, ihre ethische Rechtfertigung unterliegt jedoch vielfältigen Grenzen und Bedingungen.“[2]

Wir haben das Thema Schlachten und Töten von Tieren für unsere Ernährung aus unserem Bewusstsein verdrängt. Die Erzeugung von Lebensmittel, Fleisch und Gemüse, sollte den Menschen wieder nahe gebracht werden

Das Töten von Tieren auf den Schlachthöfen ist eine verantwortungsvolle Aufgabe. Eine optimale, fortlaufende Qualifizierung von Schlachtpersonal ist sicherzustellen. Die Tendenz, aus Kostengründen nicht ausgebildete Schlachter unter Minimallohnbedingungen schlachten zu lassen fördert Situationen, die zu vermeidbarem Tierleid führen. Hier sollten Arbeitsbedingungen und Qualifikation stärker kontrolliert werden.

KLONFLEISCH

Wir befürchten durch die neuen Verordnungen der EU, die eine obligatorische Kennzeichnung vom Fleisch geklonter Tiere absehen will, eine verstärkte Produktion von Klontieren. Wir lehnen das Klonen aus ethischen Gründen aber auch aus Gründen des grundsätzlichen Tierwohls ab. Wir glauben, dass es den Prozess der industriellen Herstellung von Fleisch beschleunigt. Die bäuerliche Produktion braucht solche Tiere nicht.

Eine Frage der persönlichen Haltung

  • bei Bauern/Bäuerinnen

Halter/innen von Nutztieren müssen sich klar machen, warum sie gerne mit Tieren umgehen, was das Tier als Mitgeschöpf bedeutet:  „Was empfinde ich, wenn ich die Geburt eines Kalbes miterlebe, oder wenn ich die im warmen Stall aneinander geschmiegten Schweine beobachte? Spüre ich das eigene Mitleiden bei Erkrankung des Tieres?“ Tierhalter/innen müssen diese gelebte Freude und Verantwortung auch nach außen deutlicher und offener kommunizieren.

  • und Verbrauchern/Verbraucherinnen

Die Macht der Veränderung liegt auch bei den Verbraucherinnen und Verbrauchern und damit auch die Mitverantwortung über die landwirtschaftliche Nutztierhaltung der Zukunft. Verzehr von „Billigfleisch“ schadet dem Wohl der Tiere, weil dann für Landwirte noch größere Ställe notwendig sind.

Nur das eigene Handeln und der eigene Umgang mit Tieren kann die Achtung vor dem Mitgeschöpf überzeugend ausdrücken. Die Wertigkeit von Lebensmitteln im Allgemeinen und von Fleisch im Besonderen spiegelt sich auch im Preis wider. Verbraucher treffen durch ihre Nachfrage die Entscheidung über das Angebot und damit auch über den Preis.

Die KLB begrüßt Ansätze des Einzelhandels, sich zusätzlich finanziell für das Tierwohl einzusetzen. Er wird aufgefordert, nachvollziehbare Standards für das Tierwohl einzuführen und sicherzustellen.

Schlussfolgerungen

Besonders in der Zucht gibt es Grenzüberschreitungen, die das Nutztier als Mitgeschöpf zu wenig beachten.

Verbraucher konsumieren oft unkritisch tierische Produkte, ohne Wissen um die moderne artgerechte Nutztierhaltung. Mangelnde Transparenz über Herkunft und Verarbeitung führt zu Misstrauen.

Überproduktion führt derzeit dazu, dass Fleisch zur Ramschware degeneriert. Lebensmittel sind so billig geworden, dass wir es uns „leisten“, große Teile von Lebensmitteln wegzuwerfen.

Die Person des Landwirtes ist selbst die entscheidende Persönlichkeit die über das Tierwohl wacht. Den Landwirten kann man Glaubwürdigkeit und Vertrauen schenken, dass sie ihre Tiere nicht vorsätzlich schädigen wollen. Der Landwirt sollte eine Haltung entwickeln, die auch die Grenzen des Wachstums und die eigenen Grenzen der Machbarkeit klar verinnerlicht.

In der bäuerlichen Tradition und einer qualifizierten Ausbildung liegen die Chancen, sich den Anforderungen und Herausforderungen der Nutztierhaltung zu stellen. Auch die Verankerung im christlichen Glauben ist für viele Bauernfamilien eine gute Grundlage, die Haltung zu ihrer landwirtschaftlichen Tätigkeit und zum Nutztier auszubilden.

Verabschiedet am 25. April 2015 in LVHS Freckenhorst

[1] KLB, Leitbild Landwirtschaft (2011)

[2] Neuorientierung für eine nachhaltige Landwirtschaft. Gemeinsame Texte der Kirchen (2003)