Zum Erntedankfest gab unser Bundesvorsitzender Korbinain Obermayer der KNA ein Interview

KNA: Herr Obermayer, von Ernten sind die Menschen hierzulande kaum noch abhängig. Lebensmittel sind jederzeit und überall verfügbar. Was kann da Erntedank überhaupt noch bedeuten?

Obermayer: In der Tat haben die Menschen vor allem in den Städten den Bezug zur Ernte weitgehend verloren. Die Auslagen in den Supermärkten sind immer gut gefüllt – so gut, dass wir Deutschen pro Kopf und Jahr durchschnittlich 120 Kilo Lebensmittel wegwerfen. Gerade deshalb aber ist das Erntedankfest wichtig. Denn es ruft den Menschen in Erinnerung, dass der Überfluss, in dem wir leben, nicht selbstverständlich ist. Auch in Deutschland gibt es Menschen die Hunger leiden, vor ein paar Jahrzehnten sind sogar noch Menschen an Hunger gestorben – von anderen Erdteilen ganz zu schweigen. Auch das sollten wir an Erntedank im Blick behalten.

KNA: Christen danken an diesem Festtag dem Schöpfer. Aber hat der moderne Mensch dafür überhaupt noch ein Gespür? Denkt er bei guter Ernte nicht vielmehr an erfolgreichen Einsatz der Technik?

Obermayer: Das mag in den Städten so sein. Die Leute auf dem Land, vor allem die Bauern, wissen noch, dass die Technisierung nicht alles ist, dass der Kreislauf des Jahres letztlich ein großes Wunder ist, das wir Christen unserem Schöpfer zuschreiben. Und Katastrophen wie das Hochwasser im Juni in Bayern zeigen den Leuten, dass – Technik hin oder her – nicht immer alles nach Plan läuft. Die Bauern haben eher andere Gründe, warum ihnen der Dank zurzeit schwerfällt.

KNA: Und die wären?

Obermayer: Viele Bauern sind in ihrer Existenz bedroht, weil die Preise für landwirtschaftliche Erzeugnisse so niedrig sind. Selbst wenn die Ernte gut ausfällt, ist der finanzielle Ertrag gering. Das macht viele Bauern eher wütend als dankbar.

KNA: Arbeitshilfen zum Erntedankfest sprechen immer öfter von Nachhaltigkeit, Biodiversität und ähnlichen Begriffen. Wird Erntedank zum Fest für Umweltschützer und Ökos?

Obermayer: Die Kirche versucht natürlich, mit solchen Begriffen für das Erntedankfest zu werben. Nachhaltigkeit ist einerseits ein Modebegriff, andererseits aber eine Geisteshaltung, die es in der Landwirtschaft schon seit Jahrhunderten gibt. Auf dem Land wissen die Menschen, dass sie mit den Ressourcen haushalten müssen, dass sie Wasser und Energie nicht verschwenden dürfen. Dazu muss man kein Öko oder Bioapostel sein. Ein anderes Beispiel: Überall lesen Sie derzeit, dass die Menschen in Deutschland zu viel Fleisch essen. Wir von der KLB werben schon lange dafür, das alte christliche Freitagsgebot wiederzubeleben. Es soll den Menschen zeigen, dass man auch einmal einen Tag ohne Fleisch auskommt.

KNA: Die KLB hat sich die Pastoral im ländlichen Raum auf die Fahnen geschrieben. Wo liegen da die besonderen Herausforderungen?

Obermayer: In den ländlichen Regionen ist der Glaube meist noch präsenter als in Städten und Ballungsräumen. Das erleben Sie im Münsterland ebenso wie in meiner bayerischen Heimat. Wir müssen aber dafür sorgen, dass er nicht zur Folklore verkommt, sondern mit Inhalten gefüllt ist. Das andere Problem ist der Strukturwandel. Die Pfarreien werden immer größer, was für die Gläubigen auf dem Land noch einmal schwieriger ist als in Städten mit einem gut ausgebauten Verkehrsnetz. Wir müssen uns, denke ich, von unserem sehr stark priesterzentrierten Kirchenbild verabschieden. Die Kirche muss ein Ort der Begegnung bleiben, auch wenn kein Priester mehr im Dorf lebt.

KNA: Was ist Ihr persönlicher Wunsch fürs nächste Erntedankfest?

Obermayer: Ich würde mir wünschen, dass die Menschen trotz aller Probleme, mit denen wir zu kämpfen haben, das Danken und das Teilen nicht verlernen. Auch wenn Ertrag, Erlös, Löhne und Kosten heute oft nicht mehr in einem sinnvollen Verhältnis stehen, sollten wir doch nie vergessen, dass es uns im Vergleich zu denen in vielen anderen Ländern verhältnismäßig gut geht. Und dafür sollten wir dankbar sein.

Redakteur der KNA: Dr. Andreas Laska

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