Landpastoral

Landpastorale Leitsätze der KLB

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Land stärken, Leben fördern, Glauben säen –

 10 Leitsätze zur Landpastoral

Vorwort 

Stärken des ländlichen Raumes

Die Kirche vor Ort hat im Dorf Gewicht und genießt Ansehen, selbst wenn die Bindungskraft schwindet. Im ländlichen Raum ist der durch das Kirchenjahr ritualisierte Jahreslauf von größerer Bedeutung als in den Ballungszentren. Die Identifikation der Bewohner mit ihrem unmittelbaren Lebensumfeld ist auf dem Land tendenziell stärker ausgeprägt als in der Stadt. Dies wiederum führt dazu, dass die soziale Kompetenz sowie die Bereitschaft zum Engagement auf dem Land immer noch hoch sind, auch in der Kirche vor Ort.

Veränderungen auf dem Land

Der ländliche Raum ist gekennzeichnet und geprägt von Vielfalt und  verschiedenen Strukturmerkmalen. Typisch für den ländlichen Raum ist vielerorts der Verlust an Infrastruktur. Dieser Verlust, der einher geht mit einer zunehmenden Zentralisierung, vollzieht sich auch in der Pastoral. Zwar sind auch in den Städten immer größer werdende Einheiten zu finden, die Auswirkungen dieser Situation sind auf dem Land jedoch gravierender. Die Wege sind weiter und die Möglichkeiten, diese Wege zurück zu legen, eingeschränkter. Lebensräume im städtischen Kontext sind eng miteinander verflochten. Im ländlichen Raum ist durch die räumliche Trennung der dörflichen Wohnbereiche auch eine Trennung der Lebensräume wahrnehmbar.

Katholische Landvolkbewegung

Die Katholische Landvolkbewegung (KLB) engagiert sich aus ihrer christlichen Verantwortung für die Menschen im ländlichen Raum. Sie will die Stärken aufgreifen und die Herausforderungen angehen. Dabei steht die gemeinsame Suche nach Wegen für ein zeitgemäßes und lebendiges Christentum in den Dörfern im Zentrum ihrer Arbeit.

Sie ist eine Bildungs- und Aktionsgemeinschaft für landpastorale Anliegen und die Weiterentwicklung der Landpastoral in Deutschland. Die KLB bemüht sich um eine gute Information und Motivation ihrer Mitglieder und ermutigt alle, sich vor Ort als Gruppe oder Einzelne für ein Klima der Menschenfreundlichkeit und Hilfsbereitschaft einzusetzen.

Aus ihrer Arbeit und in ihrer Sorge um eine zukunftsweisende Landpastoral hat die KLB folgende Leitsätze entwickelt:

  1. Das Potenzial der Menschen auf dem Land sehen und wertschätzen

Die hohe Bereitschaft der Christen auf dem Land sich ehrenamtlich zu engagieren ist ein wertvolles, aber auch zerbrechliches Gut.

Wer dieses Potenzial nutzen will, muss einen Rahmen anbieten, in dem die Mitwirkenden sich menschlich bereichert fühlen, ernst genommen werden  und inhaltlich mitgestalten können.

Auf viele Herausforderungen der Pastoral kann die Lösung nicht von oben her und für alle gleich gefunden werden. Es braucht das Vertrauen, dass die Menschen vor Ort Lösungen finden, gemäß dem Subsidiaritätsprinzip der Katholischen Soziallehre.

  1. Vom Geschenk vielfältiger Charismen ausgehen

Die ehrenamtlich Engagierten sind oft mit dem traditionellen Programm voll ausgelastet und es gibt wenige Freiräume für kreative Antworten auf neue Herausforderungen. Ausgangspunkt für ihr Engagement soll die Gabe des Geistes sein, die einem Jeden geschenkt wird, damit sie anderen nutzt (1 Kor 12,7). Die Kernfrage muss also lauten: „Welche Menschen mit welchen Fähigkeiten, Stärken und Interessen gibt es, um Kirche vor Ort mitzugestalten und mit Leben zu füllen?“

  1. Die Leitungsaufgaben neu beschreiben

Angesichts größer werdender Seelsorgeeinheiten müssen pastorale und organisatorische Aufgaben und Zuständigkeiten, die sinnvoll nur vor Ort geschehen können, klar beschrieben werden. Es braucht in jedem Dorf verbindliche Ansprechpartner, denen Aufgaben verantwortlich übertragen werden. Dies muss den Menschen im Dorf transparent kommuniziert werden. Dazu zählen wir auch Leitungsaufgaben.

Das Verhältnis von Hauptamt und Ehrenamt muss dabei jeweils gut geklärt werden. Priester, Diakone, Gemeinde- und Pastoralreferenten sollten ihre Aufgabe immer stärker im Qualifizieren, Begleiten und in der Förderung von Vielfalt und eigenständigem Handeln vor Ort sehen.

  1. Sich auf vielfältige Formen der Glaubenserfahrung einlassen

Im Bereich von Liturgie und Spiritualität müssen Laien und Priester lernen und dazu ermutigt werden, sich neben der Eucharistie und den klassisch noch praktizierten Andachtsformen, sich auch auf andere – von Laien getragene – Ausdrucks- und Feierformen einzulassen.

Menschen von heute haben oft einen sehr unterschiedlichen Zugang zum christlichen Glauben. Manche suchen noch danach. Deshalb stellen vielfältige Ausdrucksformen des Glaubens einen großen Reichtum dar. Dazu zählen:  Wortgottesfeiern, Kinder- und Jugendliturgien, Tagzeitenliturgie, Taizégebet, Weltgebetstag aber auch Bibelteilen, Exerzitien im Alltag, Agapefeiern und viele Formen des im Glauben unterwegs sein

  1. Ökumenisches Bewusstsein stärken

Die KLB bemüht sich im Vertrauen auf Gottes Geist um eine lebendige ökumenische Gemeinschaft. Sie zeigt Interesse und Offenheit für Anliegen, Begegnungen und Veranstaltungen der Ökumene und geht mit Mut und Zuversicht den Weg zur Einheit der Christen. Die gegenseitige Ergänzung, Entlastung und Bereicherung durch die allen Getauften geschenkten Gaben des Heiligen Geistes sind unverzichtbar. Wir wünschen uns dafür mehr Mut, sowohl von den Christen vor Ort als auch von allen kirchlichen Entscheidungsträgern.

  1. Das Wohl des ganzen Dorfes im Blick haben

Wir erwarten von den in der Pastoral Verantwortlichen die Bereitschaft, die heutige Lebenswirklichkeit des ganzen Dorfes wahrzunehmen. Dies ist der Boden, auf dem das Evangelium Früchte hervorbringt und in die ländliche Kultur eingeht. Die in der Kirche Engagierten lernen so über den Kirchturm hinaus zu denken und neben der „Bestellung des Pfarrgartens“ den Blick in Richtung Dorfgemeinschaft zu weiten.

  1. Das Zusammenwirken von Kirche und Kommune stärken

Die kirchlich Engagierten – vor allem in den Gremien – sollen die Kommune als Partnerin aktiv suchen und mit ihr zusammenarbeiten. Kirche und Kommune tragen eine gemeinsame Verantwortung für den ländlichen Raum. Vieles, was für ein gutes Leben auf dem Land in Zukunft wichtig ist, lässt sich nur gemeinsam angehen. Dabei muss darauf geachtet werden, dass wirklich alle Gruppierungen – auch alle kirchlichen – zusammenarbeiten.

Wenn Vernetzung gelingen soll, braucht sie Verantwortliche, die mit dem nötigen Zeit- und Finanzbudget ausgestattet, Vernetzung in Gang bringen und sie auch längerfristig lebendig halten.

  1. Sensibel werden für den diakonischen Auftrag

Auch in den Dörfern gibt es vielerlei soziale Probleme. Beispielhaft seien hier genannt: versteckte Armut, Vereinsamung, innerfamiliäre Konflikte, unzureichende Integration von Asylbewerbern und Flüchtlingen. Es braucht der örtlichen Situation angepasste Wege, um diese Menschen wahrzunehmen und diskrete und effektive Unterstützung anzubieten. Das ist Auftrag derer, die in der Kirche vor Ort Verantwortung tragen oder sich dort engagieren. Wir sehen darin auch Chancen, Menschen zum Engagement zu bewegen, die bisher kirchlich nicht aktiv sind.

  1. Die Schöpfungsverantwortung leben und fördern

Bei allem, was in der Kirche vor Ort unternommen wird, muss die Verantwortung für die Schöpfung im Blick behalten werden. Die Menschen vor Ort entsprechend zu sensibilisieren ist eine ständige pastorale Aufgabe.

  1. Räume für Begegnung erhalten und neu schaffen

Die Zentralisierung in den großen Seelsorgeeinheiten darf nicht zu einem Verlust an Begegnungsorten führen. Es gilt Sorge zu tragen, dass es an jedem Ort angemessene Möglichkeiten gibt, damit Menschen ihrem Bedürfnis nach Begegnung, Austausch und Gottesdienst nachkommen können (Bürgerhaus, Mehrgenerationenhaus, Jugendtreff, Dorfwirtschaft … ). Das ist eine Aufgabe für alle am Dorfgeschehen beteiligten Menschen, insbesondere für die  Verantwortungsträger.

Verabschiedet am 25. April 2015 in LVHS Freckenhorst

Erstes Landpastorale Symposion

Landpastorales Symposium

Für alle, die das viel beachtete und diskutierte Referat von Prof. Dr. Bucher am ersten bundesweiten ‚Landpastoralen Symposium‘ nicht miterleben konnten, hier einige Aussagen im Interview.
Interview: Prof. Dr. Bucher, Graz und Frau Dr. Hoyer, KLJB

Botschaften einer neu-LAND-kirche

Kirche im Entwicklungs-Land

Pastoraltheologe Prof. Dr. Bucher am Symposion neu-LAND-kirche veranstaltet von Katholischer Landjugendbewegung und Katholischem Landvolk Deutschland unterstützt durch das Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz
Das Interview mit dem Referenten des Symposions Herrn Prof. Dr.Rainer Bucher, Leiter des Instituts für Pastoraltheologie und Pastoralpsychologie an der Universität Graz, führte Frau Dr. Birgit Hoyer, Bundesseelsorgerin der Katholischen Landjugendbewegung.

Hoyer: Herr Prof. Dr. Bucher, Sie hatten im Rahmen des Symposions neu-LAND-kirche die Aufgabe, die anwesenden landpastoralen Praxisexperten mit Ihren Beobachtungen zu verstören, wie es die Veranstalter ausdrückten. Sie haben in Ihren Ausführungen einige Teilnehmer sicher allein durch Ihre Analyse der kirchlichen Situation nachdenklich gemacht. Wie schätzen Sie die Lage der Kirche ein?

Bucher: Die Kirche rangiert auf der Skala der vertrauenswürdigen Institutionen nach einer Umfrage von McKinsey 2003 am unteren Ende, in trauter Nachbarschaft zu den Parteien und zum kollabierenden Rentensystem.
Die Kirchen werden gegenwärtig von mehr oder weniger unverlassbaren Schicksalsgemeinschaften zu Anbieterinnen auf dem Markt von Sinn, Lebensbewältigung und Wertorientierung. Sie sind unter den Zustimmungsvorbehalt ihrer eigenen Mitglieder geraten. Das erleben sie als Krise – und zu Recht.

Hoyer: Eine solche Entwicklung kommt gewöhnlich nicht über Nacht. Konnten sich die Kirchen nicht darauf vorbereiten, wäre es nicht möglich gewesen, eine solche Krise abzuwenden?

Bucher:  Die Schleifung ihrer im 19.Jahrhundert sorgfältig errichteten und theologisch abgesicherten Institutionsfestung in der Mitte des 20. Jh. hat die Kirche einigermaßen überrascht; letztlich ist sie immer noch dabei, die Trümmer ihrer zerfallenen Macht-Burg ein wenig ratlos zu besichtigen.

Es ist aber nicht zu ändern: Die bis vor kurzem gültige institutionelle und territoriale Ordnung des Religiösen löst sich auf. Religion individualisiert sich auf der Nachfrageseite – jeder kann sich seine persönliche Religion selbst zusammenstellen und tut dies auch  – , aber auch auf der Anbieterseite: einige ihrer Merkmale wandern aus in andere kulturelle Handlungsfelder, so zum Beispiel in die Medien, in die kapitalistischen Wirtschaftsformen oder auch in eine neue (Trivial-)ästhetisierende Kunstreligion um Museen und Pop-events.
In einer solchen Situation sind die Kirchen zu nichts weniger gezwungen, denn zur ziemlich weitgehenden Neuerfindung ihrer selbst.
Die Kirche hat in solchen Umbauprozessen, über lange Zeiträume betrachtet, einige Erfahrung, ihr stehen aber eben nicht 300 Jahre zur Verfügung, wie zwischen Spätantike und Frühmittelalter, sondern gerade mal 30 Jahre – und die sind, genau besehen, sogar schon vorbei.

Hoyer: Wenn sich die Situation nun so zugespitzt hat, wie Sie es analysieren, welche Konsequenzen ergeben sich daraus für die Kirche – und ausgehend vom Gegenstand des Symposions neu-LAND-kirche – für die Kirche auf dem Land?

Bucher: Das Land wird ökonomisch nicht mehr von der Landwirtschaft, kulturell nicht mehr von seinen Traditionen und religiös nicht mehr von der Kirche dominiert. Bauern sind im Dorf mittlerweile eine schutzbedürftige Randgruppe geworden, der soziale Anpassungs- und Normierungsdruck hat massiv nachgelassen und der typische Wunsch der Städter, Individualisierung und Gemeinschaft gleichzeitig genießen zu können, beherrscht auch und gerade die Bewohner des Landes, wobei allerdings die Rede von der Gemeinschaft angesichts der realen Individualisierungsprozesse bereits ein beträchtliches Maß an Wunschdenken enthält.

Das Land ist weiterhin etwas anderes als die Stadt: Die Entwicklung lässt sich mit dem Individualisierungsbefund in dem Satz zusammenfassen: Das Land bleibt nicht Land, wird aber auch nicht Stadt, es wird etwas Drittes, und was das genau ist, reicher Speckgürtel oder Armenhaus, Zuzugs- oder Wegzugsgebiet, das steht im Einzelfall nicht fest. Gemeinsam ist nur eines: Es ist nicht Stadt

Hoyer: Was heißt das für die Kirche auf dem Land?

Bucher: Ich möchte es in einer These zusammenfassen. Sie lautet: Kirche auf dem Land, das ist Kirche jenseits der traditionalen Wucht des alten Landes und diesseits der fragilen, aber faszinierenden Chancen der verdichteten Stadt. Es ist Kirche in einem Entwicklungs-Land.

Hoyer: Können Sie das genauer erläutern? Was verstehen Sie unter den fragilen, aber faszinierneden Chancen der verdichteten Stadt?

Bucher: Im Inneren der Städte der Beschleunigungsimperativ der Moderne am intensivsten erlebt, herrscht ihr god-term und zentrales Kommunikationsmedium, das Geld, stellt es sich in eigenen Kathedralen aus, lockt vor allem das zentrale Verspechen der Gegenwart: Hier erlebst Du dein Leben.

Hoyer: Und das ist auf dem Land nicht so?

Bucher: Das Land ist Randraum, es ist Entwicklungsraum, es ist Entwicklungs-Land: es wird von der Stadt aus regiert, geplant, entwickelt, bespielt. Manchmal so, dass es reich wird an der Stadt und den zuziehenden Städtern, manchmal so, dass es arm wird und die Jungen und Beweglichen gehen, manchmal so, das es sich gerade so halten kann. Das Land ist gegenüber der Stadt tatsächlich strukturell benachteiligt. Es muss einen Grund haben, warum Bauland in ländlichen Regionen günstiger als in den Großstädten zu haben ist.

Hoyer: Wie kann in diesen Situationen Kirche ihre Aufgabe auf dem Land erfüllen? Welche Aufgabe hat sie dann überhaupt in den ländlichen Räumen?

Bucher: Befragen wir das Lehramt. Das 2.vatikanische Konzil hat fulminante Formulierungen für die Aufgabe der Kirche gefunden. Eine der schönsten lautet: die Kirche sei das „allumfassende Sakrament des Heiles, welches das Geheimnis der Liebe Gottes zu den Menschen zugleich offenbart und verwirklicht“ (gaudium et spes 45). Nimmt man das ernst, also weder als theologische Folklore noch als ideologische Schutzbehauptung, sondern als Aufgabenbeschreibung, dann ist das eine geradezu unglaubliche Aussage, eine geradezu unglaubliche Selbstverpflichtung kirchlichen Handelns.

Denn es bedeutet: Aufgabe der Kirche ist es, das Evangelium der Liebe Gottes zu den Menschen zu offenbaren und zu verwirklichen, also im Wort zu verkündigen und in der Tat zu realisieren. Das aber kann nur heißen, das Evangelium von der Existenz der Menschen heute her zu entdecken und das Lebend der Menschen aus der Perspektive des Evangeliums zu befreien. Denn das Evangelium kann nicht verwirklicht werden an jenen vorbei, denen es die Liebe Gottes offenbart. Es muss vielmehr von ihnen her erschlossen werden, sonst offenbart sich ihnen nämlich nichts.

Hoyer: Was empfehlen Sie den landpastoralen Akteuren, die sich mit diesem Forum neu-LAND-kirche zum ersten Mal vernetzen und sich morgen wieder als Einzelne vor Ort engagieren?

Bucher: 1. Die Zukunft gewinnt nur, wer der Gegenwart halbwegs ehrlich ins Auge schaut. Das ist ebenso selbstverständlich wie schwer. Es verlangt ein ehrliches Selbstverhältnis und einen ehrlichen Zugang zu den Fremdwahrnehmungen.
2. Werden Sie von einer Volkskirche zu einer Kirche des Volkes! Die alte Kirche der Selbstverständlichkeiten ist nicht mehr und sie wird nie mehr werden. Ich plädiere aber nachdrücklich für ein Festhalten an der volkskirchlichen Option im Sinne von deren Offenheit, Zugänglichkeit und Menschennähe. Denn der Volkbegriff im Volk-Gottes-Begriff überschreitet das kirchliche Volk Gottes. Er bezieht sich auf alle Menschen und Völker. Es kann daher in einem grundsätzlichen Sinne keinen „Abschied von der Volkskirche“ geben. Der universale Heilswille Gottes und die daraus sich ergebende Verpflichtung der Kirche auf unverbrüchliche Solidarität mit allen Menschen zwingt die Kirche dazu, Sozialformen ihrer selbst zu entwickeln, die diese inhaltliche Nähe zum Volk auch tatsächlich sozial ausformen und realisieren.
3. Werden Sie neugierig auf die Bedeutung des Evangeliums in den neuen Leben der Menschen auf dem Land. Pastoral ist die kreative und handlungsbezogene Konfrontation von Evangelium und Existenz. Geschieht sie auf dem Land? Hat hier das Volk Gottes Orte der Entdeckung der Bedeutsamkeit des Evangeliums? Orte, an denen es seine Sprache des Glaubens findet?
4. Unsere Pastoral ist gerade auf dem Land sozialform-konservativ, lassen Sie sie sozialform-kreativ werden. Man hat ja den Eindruck, dass sich die pastorale Planungsreflexion der letzten Jahre gerade mal von der Frage „Wie werden unsere Gemeinden lebendig?“ zur Frage „Wie erreiche ich die maximale sakramentale Einsatzeffizienz der Restpriester?“ weiterentwickelt hat. Dabei wäre zu fragen: Welche institutionelle Form muss ich hier und heute eigentlich haben, um die pastorale Grundaufgabe der Kirche zu erfüllen?
Eine 5. und letzte Empfehlung lautet: Kirche muss auf dem Land für das Land Verantwortung übernehmen. In einem bayerischen Benediktinerkloster, einem so innovativ geführten wie Plankstetten zumal, liegt diese Empfehlung nahe und doch ist sie nicht selbstverständlich. Ich folge da ganz Ihrem Ansatz, Frau Dr.Hoyer, dass die Kirche eine herausragende Rolle im Prozess der nachhaltigen Entwicklung ländlicher Räume zu spielen hat. Diese Forderung ist konsequent. Sie ergibt sich aus dem Pastoralbegriff des II. Vatikanums und aus der besonderen Situation des Landes. Denn für das Land gilt: es ist ein Ort der Ohnmacht, vor allem der Ohnmacht der fehlenden Selbstbestimmung. Kirche hat hier eine Gestaltungsaufgabe. Sie muss Verantwortung übernehmen für den ländlichen Raum. Sie könnte Kristallisationspunkte gestalten, Katalysator sein für kreative Prozesse der Selbstbestimmung und der kommunikativen und kulturellen Verdichtung und Kreativität. Sie hätte mit anderen Worten ihre alte Funktion als kultureller Innovationsmotor zu spielen.